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Das equine Cushing Syndrom ( heute in der Fachwelt als PPID Pars Pituitary Intermedia Dysfunktion bezeichnet) betrifft nach derzeitigem Kenntnisstand etwa 20% der älteren Pferde. Nun lehnen Sie sich erleichtert zurück und denken: “Also Alt ist mein Pferd jetzt noch nicht”. ABER: Etwa 20 % der über 15 jährigen Pferde sind betroffen. Das macht einen hohen Prozentsatz unserer Pferdepopulation aus. Denn, nicht anders als bei uns Menschen werden unsere Tiere aufgrund des hohen medizinischen Fortschritts und der sehr sorgfältigen Pflege und Haltung mittlerweile auch wirklich wesentlich älter als in freier Wildbahn.

Dementsprechend ist PPID noch keine allzu lang bekannte Erkrankung beim Pferd. Es gibt PPID mit Sicherheit schon wesentlich länger als wir von ihr wissen. Nur trat Sie früher einfach wesentlich seltener auf und ein kausaler Zusammenhang zwischen den typischen Symptomen und der pathologischen Veränderung der Hirnanhangsdrüse war noch nicht bekannt.

Was passiert in der Pars Intermedia?

…Unter physiologischen Bedingungen:

Abb.1: Physiologische Funktion der Hypophyse
Quelle:: IDEXX Diagnostic Update: Die Pars intermedia Dysfunktion der Hypophyse (2020)

Unter physiologischen Bedingungen leitet der Hypothalamus über den Neurotransmitter (Dopamin) Befehle an die Hypothyse ( genauer gesagt der mittlere Abschnitt, die Pars Intermedia) weiter um eine gleichmäßige und ausreichende Menge sogenannter POMC ( Pro- OpioMelanoCortin) zu generieren. (siehe Abb.1)

Good to know:

  • Neurotransmitter: Botenstoffe zur Weitergabe von Informationen von Nervenzelle zu Nervenzelle.
  • POMC: Pro-OpioMelanoCortin, Ein sogenanntes Vorläuferprotein auf dessen Grundlage Peptidhormone gebildet werden die wiederum als Botenstoffe im Körper fungieren.
  • 1. ACTH: Adrenocorticotropin , Botenstoff für die Nebennierenrinde um Cortison zu produzieren und freizusetzen.
  • 2. alpha- MSH: A- Melano-stimulierendes Hormon, wirkt unter anderem Appetitregulierend und reguliert den Energieverbrauch.
  • 3. CLIP: Corticotropin-like-intermediate- Peptid, beeinflusst das Gewebe.
  • 4. Beta-END: B-Endorphin, ein Morphinähnliches Peptid das neben einer schmerzstillenden Wirkung auch einen Einfluss auf die Stresstoleranz des Körpers besitzt.

Das bedeutet: Wichtige Körperfunktionen werden über Hormone die in der Pars Intermedia gebildet werden reguliert.

…Unter pathologischen Bedingungen:

Abb.2.: Pathologische Funktion der Hypophyse
Quelle: : IDEXX Diagnostic Update: Die Pars intermedia Dysfunktion der Hypophyse (2020)

Unter pathologischen Bedingungen führt oxidativer Stress dazu das die Weiterleitung des Botenstoffs Dopamin gestört wird und sich verringert. Die Pars Intermedia vergrößert sich (Hyperthropie) und fährt die Produktion der Peptidhormone hoch (Hyperplasie). Eine Kettenreaktion also. ( Siehe Abb. 2)

Die Pars Intermedia produziert nun, weil der regulierende Impuls der Dopamin gesteuerten Nervenzellen fehlt viel größere Mengen an ACTH, alpha-MSH, CLIP und beta-END. Und so geht’s dann los. Der Cortisolspiegel steigt, die Appetitregulierung funktioniert nicht mehr, der Energieverbrauch sinkt, trotz gleichbleibender Energiezufuhr von außen ( In der Frühphase erkennt man die Erkrankung meist nicht) usw.

Good to know:

  • Oxidativer Stress: Das Gleichgewicht zwischen der Entstehung sogenannter oxidativer “Abfallprodukte” bei biochemischen Reaktionen im Körper und deren Neutralisierung ist gestört.
  • Cortisolspiegel: Der Cortisongehalt im Blut ist unter physiologischen Bedingungen nicht konstant auf einem Level. Er schwankt, Tageszeitabhängig und unterliegt der sogenannten circadianen Rhythmik. Im Falle von PPID ist der Cortisolspiegel konstant hoch auf einem Level. Vergleichbar mit permanentem Stress.

Welche Symptome verursacht PPID?

Im Frühstadium:

  • Lethargie.
  • Leistungsfähigkeit sinkt.
  • Fellwechsel verzögert sich und dauert länger.
  • Muskelabbau (v.a. Rücken- und Rumpfmuskulatur).
  • Regionale Fettpolster ( Mähnenkamm, Schweifansatz, Schlauchtasche bei Wallachen und Hengsten).
  • Unfruchtbarkeit.
  • Hufrehe.
  • Immer wiederkehrende Hufabzesse.

Im fortgeschrittenen Stadium:

  • manifeste Leistungsinsuffizienz.
  • Hirsutismus ( es findet gar kein Fellwechsel mehr statt. Das Fell bleibt konstant lang und teilweise auch lockig).
  • Immer wiederkehrende Infektionen.
  • Poliurie und Polidipsie ( vermehrtes Trinken und Harn absetzen).
  • Ataxie und anfallsartige Anfälle.
  • Bei Stuten: persistierende Laktation.

Good to know:

70-90 % der Hufrehen sind auf eine Stoffwechselstörung wie PPID oder EMS ( Equines Metabolisches Syndrom) zurückzuführen.

Wie verläuft die Diagnostik von PPID?

Zum einen liefern die klinischen Symptome ( wie oben beschrieben) sowie das Alter oft schon einen ersten Hinweis. Das diagnostische Mittel der Wahl ist aber die Laboruntersuchung von Blutproben. Genauer gesagt die Bestimmung des ACTH Wertes im Blutplasma. War man früher noch davon ausgegangen das die Blutprobe im besten Falle nüchtern und am frühen Morgen genommen werden sollte, weiß man heute das die Tageszeit nicht von Belang ist und die Pferde, zumindest für den ACTH-Wert nicht nüchtern sein müssen. Möchte gleichzeitig der Insulin-Wert im Blut untersucht werden ( Bei Verdacht auf Diabetes) ist es dagegen wichtig das die Pferde zum Zeitpunkt der Blutentnahme nüchtern sind.

Wichtig ist nur, das die Kontrolluntersuchung des ACTH -Werts zur Einstellung der Tablettendosis zur selben Tageszeit erfolgen sollte.

Der Referenzbereich für den ACTH -Wert im Blut ist, anders als beispielsweise für Leukozyten nicht fest definierbar und schwankt in Abhängigkeit von der Jahreszeit (Tageslichtdauer ist hier entscheidend). Die jeweiligen Referenzbereiche sind aber genau definiert und werden bei der Diagnostik berücksichtigt.

Was ist wenn…

..der ACTH Wert in der Norm liegt?

Liegt der Referenzbereich im Normbereich kann das verschiedene Gründe haben:

  1. Das Pferd hat kein PPID.
  2. Das Pferd hat PPID, nur wurde die Blutuntersuchung im frühen Stadium der Erkrankung durchgeführt. Die Sensitivität des Test ist dann noch gering.

…der ACTH Wert zwar in der Norm liegt aber klinische Symptome vorliegen?

Zeigt das Pferd eindeutige klinische Symptome ( siehe oben) und der ACTH Wert ist trotzdem im Normbereich oder nur sehr knapp am oberen Grenzwert?

Zur Klärung unschlüssiger Fälle ( Oder Fälle bei denen man denkt ” Hier ist doch was im Busch”) kann man einen sogenannten TRH (Thyreotropin Releasing Hormon)-Stimulationstest durchführen.

Die Test Durchführung verläuft folgendermaßen:

  1. Blutentnahme zur Basal-Wert (Ausgangswert)Bestimmung des ACTH- Werts.
  2. Intravenöse Gabe von TRH.
  3. Bluttentnahme 10 Minuten später zur erneuten ACTH Bestimmung.

Dieses Test Verfahren ist sehr sensitiv und auch hier ist ein Referenzbereich definiert ab dem man eindeutig von einer PPID ausgehen kann.

Good to know:

TRH: Wirkt als Stimulans für eine physiologische ACTH Produktion der Hirnanhangsdrüse. In Studien konnte gezeigt werden das die ACTH Werte nach Gabe von TRH signifikant ( aussagekräftig hoch) bei an PPID erkrankten Pferden erhöht waren im Gegensatz zu gesunden Pferde.

Wie wird PPID behandelt?

Zunächst einmal ganz klar vorweg: PPID ist eine unheilbare Erkrankung mit fortschreitendem Verlauf. Die Therapie ist rein Palliativ ( Symptome lindern und reduzieren).

Der Behandlungsansatz liegt darin, die Aufgabe des fehlenden Botenstoffs(Dopamin) zu übernehmen um die POMC ( v.a. ACTH) Produktion zu kontrollieren.

Der synthetische Stoff Pergolid ( Wird auch zur Parkinson Therapie beim Menschen eingesetzt) aktiviert die Dopaminrezeptoren auf den Zellen und hat somit den gewünschten Effekt auf die ACTH Produktion und Sekretion der Hirnanhangsdrüse.

Verabreicht wird der Wirkstoff in Form einer Tablette (Prascend, Firma Boehringer Ingelheim) oral ins Maul einmal täglich. Und das tatsächlich ein Pferdeleben lang bis zum Tod.

Was ist bei der Gabe von Prascend zu beachten?

  • Die Tabletten sind nicht frei verkäuflich und können über uns Tierärzte bezogen werden.
  • Die Dosierung sollte nur unter tierärztlicher Kontrolle eingestellt und verändert werden.
  • Um stetig die richtige Dosierung zu verabreichen sind regelmäßige Blutuntersuchungen erforderlich.
  • Die Einstellung der richtigen Dosierung erfolgt am Anfang durch eine erneute ACTH Kontrolle nach 4- 6 Wochen.
  • Die maximale Dosierung/Tag/Pferd beträgt 5 mg (eine Tablette enthält 1 mg Pergolid).

Gibt es Nebenwirkungen bei der Gabe von Prascend?

Ja, diese sind aber, wenn überhaupt,nur in der Anfangsphase zu beobachten und reduzieren sich bzw. verschwinden vollständig nach ca. 4 Wochen. Wichtig ist in dieser Zeit die Therapie nicht abzubrechen. In Absprache mit uns Tierärzten sollte eine Therapieunterbrechung von 2-3 Tagen und dann eine erneute Gabe mit der Hälfte der ursprünglichen Dosierung erfolgen die dann alle 2-4 Wochen in 0,5 mg Schritten erhöht wird bis zur gewünschten Dosis.

Die häufigsten Nebenwirkungen sind:

  • Fressunlust
  • Lethargie und Abgeschlagenheit
  • Durchfall und Magenprobleme
  • leichte zentralnervöse Störungen (leichte Ataxie)
  • leichte Koliken

Weitere Behandlungsmöglichkeiten bei PPID?

Zeigt die Therapie mit Prascend keine oder auch in hoher Dosierung nicht die gewünschte Wikrung auf die Laborparameter und die klinischen Symptome kann eine Kombination mit dem Wirkstoff Cyproheptadin versucht werden. Allerdings zeigen nur 1/3 der behandelten Pferde eine positive Reaktion darauf. Eine alleinige Therapie mit Cyproheptadin zeigt keine Behandlungserfolge.

Die Gabe von Mönchspfeffer ist umstritten. Studien dazu ergeben unterschiedliche Ergebnisse. Grundsätzlich kann die alleinige Gabe von Mönchspfeffer keine klinische und labordiagnostische Verbesserung bei Pferden hervorrufen. Die Kombination hochwertiger Präparate mit Prascend zeigte aber zum größten Teil positive Effekte.

Was sollten Sie bei PPID außerdem beachten?

Fütterung

  • Viel Rauhfaser ( Heu, am besten 2. oder 3. Schnitt)
  • Das Heu gerne für ca. 30 Minuten in Wasser eingelegt um den Fruktangehalt zu reduzieren und so das Hufreherisiko so gering wie möglich zu halten
  • Wenig/Keine Energiereichen Futtermittel
  • Wenn Energie benötigt wird sollte die Zufuhr über fettreiche Futtermittel erfolgen.
  • Vitamin E und Selen zufüttern. Hat einen positiven Effekt auf die Lebensqualität.

Pflege und Tierarzt:

  • regelmäßige Zahnkontrollen
  • Regelmäßig (v.a. im Sommer) scheren
  • Regelmäßige Hufbearbeitung.

Really good to know!!

Die Firma Boehringer Ingelheim übernimmt jedes Jahr für ca. 6 Wochen die Kosten für einen ACTH-Bluttest im Verdachtsfall.

Zeitraum im diesen Jahr ist der 16.08.2021- 30.09 2021.

Was müssen sie dafür tun?

  1. Besuchen sie die Internetseite: www.Cushing-hat-viele-Gesichter.de und füllen Sie dort das Online Fomular (Kostenübernahmeformular) vollständig aus.

2. Vereinbaren Sie einen Termin mit Ihrem Tierarzt zur Blutentnahme für eine ACTH Bestimmung.

3. Übergeben Sie das ausgefüllte und ausgedruckte Formular Ihrem Tierarzt. Die Kosten für Anfahrt, Blutentnahme und Aufbereitung der Proben fürs Labor sind in der Kostenübernahme nicht inbegriffen und müssen direkt bei Ihrem Tierarzt vergütet werden.

4. Die Blutprobe wird in ein tiermedizinisches Labore übersandt.

5. Sie erhalten dann wie gewohnt das Ergebnis der Blutuntersuchung über Ihren Tierarzt.

6. Die Kosten für die Laboruntersuchung übernimmt Boehringer Ingelheim.

Noch Fragen? Immer gerne!

Ihre Dr. Anna Wagner

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